Geistlich

Samstag, 29. Dezember 2007

Luther zur Türkenbedrohung

Die christliche Verteidigungs- und Offensivgemeinschaft Europas bestand wohl auf geistlicher Basis des 15. Jahrhunderts, eine christliche Einheit nach dem Thesenanschlags Luthers wird jedoch fragwürdiger. Um dies zu analysieren sind die Türkenschriften Martin Luthers maßgeblich, in denen seiner Einstellung zur Türkenbedrohung, sowie die vorgesehenen weltlichen und geistlichen Aufgaben klar dargestellt werden.
Luther sieht die Türken gleich wie die katholische Kirche als Geißel und Strafe Gottes . Jedoch verurteilt er die Kirche in ihrer Kreuzzugspropaganda. Rom wird der Vorwurf gemacht die Kreuzzugspropaganda nur wegen Gründen durchzuführen, um sich von den eigentlichen Aufgaben, die der Kirche von Gott zugewiesen wurden, abzulenken.
Wiewohl jetzt die meisten, und zwar die Mächtigen in der Kirche, von nichts anderem träumen als von Kriegen gegen die Türken. Sie wollen nämlich nicht gegen Gott streiten, der da sagt, er suche mit dieser Rute unsere Missetaten heim, weil wir sie nicht bedenken und abstellen wollen. (1)

In dieser Stellungsname Luthers lassen sich bereits Punkte ableiten, denen Luther während seines gesamten Lebens treu blieb. Die beiden Sichtweisen, die Türkenbedrohung als eine Geißel Gottes, sowie das Verbot der Kirche einen Religionskrieg gegen die Türken zu führen, ziehen sich durch alle lutherischen Türkenschriften . (2)
Luhter sieht in der türkischen Expansion einen doppelten Angriff auf die Christenheit, der nur durch ein Zusammenspiel von weltlichen und geistlichen Kräften abgewehrt werden kann. Einerseits muss der Tyrannei des Totalstaates mit irdischen Waffen entgegengesetzt werden, was Aufgabe des Kaisers des hl. röm. Reichs deutscher Nation ist. Andererseits trifft die Christenheit ein Angriff des Unglaubens und der Perfidie des antichristlichen Reichs gegen den mit geistlichen Mittel entgegenzuwirken ist. Es ist zu bedenken, dass primär die geistliche Abweht erforderlich ist um die türkische Gefahr abzuwehren. Ohne geistliche Waffenrüstung wäre es sinnlos gegen die Türken zu kämpfen, damit ist aber keineswegs eine Legitimation der christliche motivierten Kreuzzugsidee gemeint. Luther zieht hier eine strikte Trennung zwischen weltlich und geistlich, eine geistliche Waffenrüstung meint vielmehr eine Stärkung des Glaubens durch Gebete und Buße um Gott wohl zu stimmen:
Es wird an denen liegen, die da büßen und sich bessern, Gottes Wort und seine Sakramente ehren, vor Gott sich demütigen und herzlich beten, damit such Gott erweichen lasse und seine Engel bei uns im Felde halte. Sonst ist’s verloren und muss die Strafe über uns gehen. (3)

Somit ist ein gottesfürchtiges Volk notwendig, um „die Engel im Felde zu halten“, was die Vorrangigkeit der geistlichen Abwehr vor der weltlichen Abwehr erklärt. Dabei darf die weltliche Abwehr auch nicht vernachlässigt werden, denn laut Luther nimmt die Leichtfertigkeit der irdischen Rüstung auch dem Gebet die Kraft. Die weltliche Abwehr ist dem „Herr Carolus“ aufgetragen. Dieser ist für den Schutz seiner Untertanen verpflichtet, andere Kriegsgründe wie Ehre, Ruhm, Raumnot, Vergeltung, nicht einmal die notwehrhafte Verteidigung des Reichsbodens sind nach Luther zulässig. (4) Mit der Betonung der gottgegebenen Aufgabe des Kaisers spielt Luther auf die Plünderungen, Angriffe und Kleinkriege in grenznahen Gebiete an, wo Untertanen nicht zu genüge geschützt werden. Weiters mahnt Luther vor den Türken als ernstzunehmenden Feind, der nicht mit europäischen Mächten vergleichbar ist.
..wider den Türken kriegen ist nicht wie wider den König von Frankreich, Venedig oder Papst kriegen; er ist ein anderer Kriegsmann. (5)

Deshalb empfiehlt Luther die innereuropäischen Machtkämpfe einzustellen und einig gegen die türkische Bedrohung vorzugehen. In diesem Punkt zeigt sich eine Unklarheit in Luthers Schriften. Einerseits spricht er von der Einigkeit des Reiches: ...alle Fürsten und das ganze Reich zur Barmherzigkeit bewege... (6), andererseits wird vor einer Zerrissenheit der Fürsten
und Könige gewarnt: ...wenn unsere Könige und Fürsten ihre Sachen dieweil auf ein Knäuel münden und hierin beide: Kopf und Herz, beide: Hände und Füße zusammentäten, dass ein einziger Leib wäre eines mächtigen Haufens, aus welchem man nachzusetzen hätte, und nicht, wie bisher , geschehen, einzelne Könige und Fürsten hinan lassen ziehen, gestern König von Ungarn, heure den König zu Polen, morgen den König zu Böhmen, bis sie der Türke einen nach dem anderen auffräße und nichts ausgerichtet würde, als dass man unser Volk verrät und auf die Fleischbank opfert und unnützlich Blut vergießt. (7)
Im ersten Zitat wird nur auf das hl. röm. Reich deutscher Nation angespielt, womit man meinen könnte, dass Luther nicht im gesamteuropäischen Rahmen, sondern im Rahmen des Reichs denkt. Dies wird jedoch im zweiten, längeren, Zitat relativiert, da das Königreich Ungarn, sowie Polen angeführt werden, die sich beide nicht im hl. röm. Reich deutscher Nation befinden. Als weltlichen Führer wird immer wieder „Kaiser Karolus“ angeführt, was jedoch keine Eindeutigkeit für das vorliegende Problem zeigt, da der Kaiser des hl. röm. Reichs und besonders bei der habsburgerischen Türkenpropaganda als Verteidiger der Christenheit und somit laut unseres christlichen europäischen Einheitsbegriffes folglich auch als Verteidiger Europas sieht. Luther verneint natürlich die Stellung des Kaisers als Schirmherr der Christenheit, doch sieht er meiner Meinung nach durch die Türken den christlichen Glauben gefährdet, was somit laut unseres christlich europäischen Einheitsbegriffes ganz Europa betreffen würde und nicht alleine das hl. röm. Reich deutscher Nation.
Seit dem Thesenanschlag in Wittenberg ist auf alle Fälle klar, dass ein einheitlich christlich motivierter Kreuzzug gegen die Türken nicht mehr geben kann. Luther geht sogar so weit, dass die Teilnahme an den Türkenkriegen vermieden werden sollte, solang der Name des Papstes noch soviel Ansehen und Macht besitzt. Diese Meinung stieß auf vehementen Wiederstand, der durch eine Berichtigung Luthers absank, die besagte, dass eine Beteiligung an Türkenkriegen als Verpflichtung gegenüber die Obrigkeit erforderlich ist, ausgeschlossen werden nur die Kreuzzüge. Die Kirche hat laut Luther kein Recht gegen die Ungläubigen vorzugehen, wird sie bedroht und angegriffen, so darf sie auf keinen Fall zu den Waffen rufen, um sich zu verteidigen, da sie somit von dem christlichen augertragenen Weg abkommen würde.
Die Reformation war ein sehr bedeutender Faktor im Kampf gegen die Türken. Die Habsburger waren nun zu einem zwei – Fronten - Krieg verpflichtet, der die Schlagkraft den Türken gegenüber schwer dämpfte. In Bezug auf den europäischen Einheitsbegriff hat sich die Reformation nur spärlich ausgewirkt. Der Grundgedanke der Wurzel der Christenheit blieb bestehen und beide Papst und Luther stellten die Türkenbedrohung über das konfessionelle Problem in Europa. Das hemmende Problem war jedoch die Auslegung, da die gegenseitigen Lösungen des Konfliktes nicht akzeptiert wurden. Die Kirche sah die Lösung in den Kreuzzügen als einheitliche christliche Aktion unter der geistlichen Führung des Papstes und der weltlichen Führung des Kaisers oder etwaigen anderen Kaiser und Könige. Dahingegen sah Luther die strikte Trennung in eine geistliche und weltliche Abwehr, die sich ideologisch nicht überschneiden.
Für die folgende Behandlung dieser Materie ist es von Bedeutung diesen christlichen Einheitsgedanken auf geistlicher Ebene immer im Hinterkopf zu behalten, um die Wiedersprüche und Konflikte zwischen weltlicher und geistlicher Auslegungen zu verstehen. In vielen Fällen möchten weltliche Herrscher den geistlichen Einheitsgedanken für sich auslegen, die Frage ist jedoch, ob diesen weltlichen Auslegung auch christliche Einheitsüberlegungen zu Grunde liegen oder andere Einflüsse maßgebend sind. Dies sollte schließlich eine Bejahung oder Verneinung des europäischen Einheitsgedanken auf der ausführenden weltlichen Ebene ergeben, die mit dem christlich, geistlichen Einheitsgedanken, zu einem gesamteuropäischen Einheitsgedanken verschmelzen, der in allen Lebensbereichen Durchsetzungskraft aufweist und nicht wie der rein auf dem Christentum basierende nur auf einer geistlichen, meist passiven Ebene.
___________________________________
(1) Münchner Luther Ausgabe I (2. Aufl., Ergänzungsreihe, 3.Band. 1938) Seite 161
(2) Martin Luther. Aufruf an die bedrohte Christenheit Aus Luthers Türkenschriften; Karl Kindt Hamburg 1951; Zitiert aus der Münchner Luther Ausgabe (2. Aufl., Ergänzungsreihe, 3. Band, 1938) Seite 7
(3) Luthers Türkenschrifte, Weimarer Ausgabe; Kap. 53, Seite 393
(4) Martin Luther. Aufruf an die bedrohte Christenheit Aus Luthers Türkenschriften; Karl Kindt Hamburg 1951; Kapitel Weltliche Abwehr. Kein Kreuzzug, keine Hetze Seite 32f; Zitiert aus der Münchner Luther Ausgabe (2. Aufl., Ergänzungsreihe, 3. Band, 1938)
(5) Luthers Türkenschriften, Münchner Luther-Ausgabe (2. Aufl., Ergänzungsreihe, 3. Band, 1938) Seite 445
(6) Seite 443
(7) Seite 446

Einheitgedanke auf katholíscher Ebene

Falls in der frühen Neuzeit ein Gedankenmodell bestand, das als europäischer Einheitsgedanke zu deuten ist, war er auf einer religiösen Ebene angesiedelt. Das Christentum bildet das kulturelle Fundament einer europäischen Einheit, was im Zuge der Türkenbedrohung für Europa propagandistisch zur Erhöhung der europäischen Solidarität genutzt wurde.
Nach der türkischen Eroberung Konstantinopels 1453 reagierte die katholische Kirche mit einem Kreuzzugsaufruf gegen den Erbfeind der Christenheit. In der Kreuzzugsbulle des Papstes Nikolaus V wurden Mohammed in Verbindung mit dem apokalyptischen Interpretationsmodell gebracht. Danach wurden die Türken mit dem vierten Tier der Apokalypse gleichgestellt.(1)
Danach sah ich in meinen nächtlichen Visionen ein viertes Tier; es war furchtbar und schrecklich anzusehen und sehr stark; es hatte große Zähne aus Eisen. Es fraß und zermalmte alles, und was übrig blieb, zertrat es mit den Füßen. (2)
Anhand dieser Betrachtungsweise ergibt sich auch die Schlussfolgerung der Deutung der Türkenbedrohung als eine Strafe Gottes. Dass der Fall Konstantinopels die christlichen Kreuzzugsgedanken wieder aufleben ließ zeigt auch dieses Propagandalied:

Wol auf, in Gotes nam und kraft,
mit sant Jorgen ritterschft
wider die Türkenlesterei!
Got, der will uns selber wesen bei,
das wir si überwinden (...)

Constantinopel, du edle stat,
We dem, der dich verraten hat !
Von grossem jamer gehort ich nie,
du rewst mich ser, das clag ich hie,
das las dich Got erparmen

Es ist der kristenheit ein stos,
den babst des jamers ser verdros,
er hadt dem keiser brief gesant,
dar er furpas schreib in die land
zu fürsten und zu herren.

Der Türckh, der swur in zoernes not
Auf Machmet bei seinem Got,
er well die kirchen gar zerstören,
sand Peters münster gar uneren,
seine roß darin ze stellen.

Auch hat man mir fürbar geseit,
ein Türck, der sei lank und preit
und hat ein pöß grausam gestalt;
man hat in eben abgemalt;
und hatz dem babst gesender (...)

Sunderlich ich auch sprich
Groß und klein, arm und reich,
munich und pfaff, all geistlich orden,
die sullen auß iren kloster varen,
wider die Türcken zu vechten (...)
(3)

Diese Kreuzzugspropaganda lässt sich bis ins 17. Jahrhundert verfolgen . Es wurde unter Papst Calixt I ein tägliches Läuten der Kirchenglocken zu Mittag, um zum Gebet gegen die Türken aufzufordern. Darüber hinaus wurde auch der „Türkenzehnt“ zur Finanzierung eines Kreuzzuges eingeführt. Dieser „Türkenzehnt“ ist von der „Türkensteuer“ klar zu trennen, da der „Türkenzehnt“ im Gegensatz zur „Türkensteuer“ geistlicher Natur war. Auch Papst Pius II vertrat den Kreuzzugsgedanken im Zuge der Türkenbedrohung. Besonders in der Rede „Cum bellum hodie“ am Kongress von Mantua (1459) versuchte er die weltlichen Führer zum Kreuzzug gegen die apokalyptische Bedrohung zu gewinnen. Pius II versuchte sogar mit einem Brief, „Epistula ad Mahumetem“ (1461) an den Sultan Mehmed II, ihn und seine Nation zum Christentum zu bekehren, wobei jedoch fragwürdig ist, ob dieser Brief den Vatikan je Richtung Pforte verlassen hat. Sein Vorhaben des Kreuzzugs im Jahr 1463 schlug fehl, da er nicht genug Fürsten zu einem Krieg bewegen konnte.
Europa ist für Enea Silvio / Pius II. primär Christianitas, eine christliche Verteidigungs- wie auch eine Offensivgemeinschaft. Es ist ein Europa in Waffen, gerichtet vor allem gegen den Islam, den man in Gestalt ‚des Türken’ als aggressiv zu erleben glaubte. Der Gedanke christlich-europäischer Identität qua Wertegemeinschaft im antiken Erbe unter Einschluss der orthodoxen Griechen wird bei ihm, dem Humanisten, zwar kultiviert, ist aber im engeren Bezug auf Europa weniger deutlich entwickelt. (4)

Nach dem Tod Pius II verlor die Kreuzzugsidee an ihrer Schwungkraft. Papst Alexander VI aus dem Haus Borgia vertrat die Politik der Hinhaltung des Kaiser Friedrich III , die nur spärlich von Aktivitäten gegen die Türken durchzogen war. Während 5. Laternkonzils1511, wurde die Predigt der Apokalyptik verboten, womit die bisherigen Kreuzzugsreden an Bedeutung verloren. Erst mit Papst Leo X lebte die Kreuzzugsidee wieder auf. 1514 entsteht jedoch aus seinem Kreuzzugsplan in Ungarn der Bauernaufstand unter György Dosza, der sich nicht gegen die Osmanen, sondern gegen den ungarischen Adel richtete .
Die christliche Verteidigungs- und Offensivgemeinschaft Europas bestand wohl auf geistlicher Basis des 15. Jahrhunderts, eine christliche Einheit nach dem Thesenanschlags Luthers wird jedoch fragwürdiger.
____________________________________-
(1)Geschichtsdenken und Ständekritik in apokalyptischer Perspektive; Martin Luthers Meinungs- und Wissensbildung zur Türkenfrage auf dem Hintergrund der osmanischen Expansion und im Kontext der reformatorischen Bewegung; Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde des Fachbereichs Kultur- und Sozialwissenschaften der FernUniversität Hagen: vorgelegt von Dr. Michael Klein aus Hamm/Sieg
(2) Aus: Die Vision von den 4 Tieren und vom Menschensohn: Dan; 7, 1-28
(3) Original 34 Strophen; aus B.M. Buchmann: Daz jemant singet oder sait. Das volkstümliche Lied als Quelle zur Mentalitätengeschichte des Mittellters. Frankfurt/M. – Berlin usw. 1995, 161f.)
(4) Helmrath, Johannes: Enea Silvio Piccolomini (Pius II.) - Ein Humanist als Vater des Europagedankens?. In: Themenportal Europäische Geschichte (2007), URL: http://www.europa.clio-online.de/2007/Article=118.

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